Tierwohl und Digitalisierung
aus Sicht eines Legehennenbetriebs
Dirk Siemers · Hof Lühts, Neuenmarhorst
AgrarBündnis-Online-Tagung · 16. September 2026
Kurz nach zehn
Die Klappen gehen auf.
12.000 Hennen laufen raus.
Und es bleibt ruhig.
Der Grund dafür
Der Stall ist für 15.000 Tiere zugelassen.
Wir halten 12.000
Drei Meter breite Kontrollgänge. Zwei Reihen Volieren.
Mehr Platz je Henne, als die Premiumstufe des Tierschutzlabels verlangt.
Zur Person
- Diplom-Informatiker, Uni Oldenburg — Webentwickler, eigene Firma gegründet und verkauft
- Seit 2011 Legehennenhalter in dritter Generation
- 31.000 Hennenplätze: Bodenhaltung am Hof, Freilandstall Mottenkamp
- Freilandstall 2019 gebaut — mit Netzwerkkabel von Anfang an
Was gemessen wird
- Sitzstangen, die zugleich Waagen sind — Durchschnittsgewicht der Herde
- Wasser- und Futterverbrauch, stündlich
- Eine Kamera über dem Eierband zählt jedes einzelne Ei
- Temperatur, Luftfeuchte, Luftqualität
Keine Theorie. Das läuft einfach.
Ein Beispiel
Zwei Uhr nachts:
der Wasserverbrauch steigt.
Kein durstiges Huhn.
Ein gebrochenes Kupferrohr.
Ohne die Messung hätte es jemand gemerkt,
als er morgens mit nassen Füßen im Stall stand.
Ein zweites Beispiel
Nach der Einstallung frisst die Herde zu wenig.
Das sieht nach kranken Tieren aus.
Die Futterzubringer waren feucht
und leicht verstopft.
„Wenn ich nur einen Faktor habe, kann ich etwas entscheiden,
was vollkommen falsch ist."
Technik, die dem Tier direkt etwas bringt
Split Feeding
- Vormittags proteinbetont — für die Eibildung
- Nachmittags calciumbetont — für die Schale
Früher Erfahrung und Gefühl. Heute messbar:
35 % der Tagesmenge vormittags, 65 % nachmittags.
Eigene Messung über 18 Tage, Freilandstall Mottenkamp
Aus einer Kühlidee wurde eine Heizung
Beheizte Sitzstangen
Hühner geben rund ein Viertel ihrer Körperwärme über die Füße ab.
In Brasilien nutzt man das zum Kühlen. Wir haben es umgedreht.
3 W je Tier → 36 kW Wärme im Stall
Neu eingesetzte Junghennen kommen schneller an als in einem Stall,
der nur über die Luft beheizt wird.
Die Grenze
Zweimal täglich gehen Menschen durch die Reihen.
- Das Gehör — klingt die Herde entspannt oder unruhig?
- Das Auge — Gefieder, Kammfarbe, Verletzungen
- Die Nase — Ammoniak, ein Zeichen für zu viel Feuchtigkeit
Dazu das Mehraugenprinzip: Tierarzt, Futterberater und Aufzüchter gehen
regelmäßig mit — weil der Betrieb selbst betriebsblind wird.
Und jetzt das Entscheidende
Der Mensch sieht.
Die Technik merkt sich.
Was beim Stallrundgang auffällt, muss dokumentiert werden —
sonst ist es nach zwei Stunden weg.
Woran wir gerade arbeiten
Den Stallrundgang digitalisieren
- Mitarbeitende gehen mit einem Dashboard durch den Stall
- Tote Tiere und verlegte Eier direkt eintragen, dort wo sie gefunden werden
- Kein Zettel, keine Übertragung am Abend
Feldtest mit unserem Stallausrüster. Läuft noch nicht.
Was sich in der Arbeit wirklich geändert hat
- Lieferscheine werden digital erfasst, nicht mehr auf Zettel geschrieben
- Eier aus dem Legebetrieb in die Packstelle — digital, ohne Papier
Die Hoffnung: dass die Dokumentationspflicht
zunehmend nebenbei entsteht.
Nicht zusätzlich zur Arbeit. Sondern aus ihr heraus.
Welche Kompetenzen braucht es künftig?
- Nicht programmieren können
- Sondern: beobachten — und das Beobachtete festhalten
- Und einschätzen, wann die Zahl in die Irre führt
Das Wissen über die Tiere bleibt beim Menschen.
Neu ist, dass er es dem System mitteilen muss.
Ausblick — ehrlich
Ein Roboter läuft durch den Stall.
Grundlagenforschung mit dem Fraunhofer-Institut Rostock:
Kann er sich orientieren? Wie reagieren die Hennen auf ihn?
Von der Praxis ist das weit entfernt.
Wer kümmert sich in Zukunft um die Tiere?
Menschen.
Technik soll nicht ersetzen, wofür sie im Stall unterwegs sind.
Sie soll ihnen mehr Zeit dafür verschaffen.
„Weniger Kontakt zwischen Mensch und Tier wird es auch bei rasanten
Entwicklungen neuer Technologien nicht geben — eher das Gegenteil."
Vielen Dank
Dirk Siemers · Hof Lühts
Neuenmarhorster Str. 10 · 27239 Twistringen
dirk@hof-luehts.de
Fotos: Holger Karkheck